Wenn Menschen alleine sind…
Januar 9, 2008
kommt es doch desöfteren vor, dass sie sich „gehen lassen“. So passiert auch vor einiger Zeit bei der folgenden Geschichte. Gegen Mittag wird ein Kollege von mir nach *ca.10kmentfernt* geschickt, um einen Patienten von seiner Wohnung in das Altenheim, dass nur 2km entfernt ist, zu bringen. Ich bekomme zufällig am Funk mit, dass der Patient den Transport verweigert hat, weil er seine Sachen noch packen müsse.
Am frühen Abend dann trifft es meinen Kollegen und mich und wir machen uns auf den Weg. Wir klingeln und keiner macht auf. Laut Hausarzt, bei dem wir die Papiere geholt haben, ist der Patient aber 100pro zu Hause. Wir halten Rücksrache mit der Rettungsleitstelle, die kurz davor ist eine Wohnungsöffnung zu organisieren (Polizei, Feuerwehr, Notarzt und eben wir…), als ich es nochmal probiere und ein Nachbar mir öffnet.
Die Tür zur Wohnung des Patienten steht ca. 15cm weit auf und der Patient sitzt offensichtlich auf einem Stuhl hinter der Tür und blockiert somit diese. Ich als der schlankere der KTW-Besatzung (man möge mir verzeihen :D) zwänge mich durch die Tür zum Patienten und da erblicke ich es. Eine totale Messi-Wohnung. Die Wohnung ist nur über die Gänge begehbar, der Schimmel fühlt sich wohl und die Ausscheidungen, die ein normales menschliches Wesen eben so hat sind nicht in sondern um die Kloschüssel. Alter Falter…mich hat echt gewundert, dass der Geruch nichts derartiges vermuten hat lassen…
Irgendwie hab ich es dann geschafft, den Patienten auf seinem vom Zusammenbruch bedrohten Stuhl (Verdacht auf Oberschenkelhals an allen 4 Beinen) von der Tür wegzuziehen und meinem Kollegen so ebenfalls Zutritt verschaffen zu können. Die Eigenanamnese des Patienten war dann wie folgt: Er hatte Blasenkrebs und kann deshalb nicht laufen. Wie er auf den Stuhl hinter die Tür gekommen ist, wollte er mir aber nicht erzählen.
Wir haben unseren Klienten dann per Tragestuhl in Richtung Auto gebracht und im Heim abgeliefert. Das Kuriose war, dass er als Gepäck eine Plastiktüte mit ein paar Utensilien wie z.B. Waschlappen und Zahnbürste hatte. Sonst nichts… aber er musste ja noch zusammenpacken. Ok, ich mache mich hier beileibe nicht darüber lustig nur was dann wirklich um Schießen war, war die Tatsache, dass der Hausarzt bei Anruf der Pfelegeheimleitung versichterte, dass ein amtlich abgestellter Betreuer nicht nötig wäre, da der Mann geistig total fit wäre und keine fremde Hilfe brauche.
Halten wir fest:
Der Mann ist – zumindest laut eigener Aussage – gehunfähig
Der Mann hat keine Angehörigen, die die Wohnung für ihn auflösen könnten
Der Mann hat keine normale Wohnungsauflösung durchzuführen, sondern ca. 2 Tonnen Müll zu entsorgen
Der Mann ist über 75 Jahre alt
Der Mann ist inkontinent, was Harn und Stuhl betrifft
aber der Mann braucht keine fremde Hilfe, die ihm behilflich ist beim Auflösen seiner bisherigen Bleibe?!
Nur gut, dass ich mich darüber weiter keine Gedanken machen muss…
Entry Filed under: Ernstes. Schlagworte: Altenheim, Betreuer, Inkontinenz, Messi, Wohnungsöffnung.
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1.
Thrillhouse | Januar 10, 2008 at 1:19
Mein Gott ist das traurig.
2.
Nico | Januar 10, 2008 at 5:03
Das ist kein Einzelfall. Auch ich habe mit meiner ehrenamtlichen Rettungsdienst-Erfahrung leider schon öfters erlebt, dass völlig hilflose Menschen auf sich alleine gestellt sind.
Selbst wenn noch Angehörige leben (z.B. Kinder – und das sogar in der selben Stadt), passiert es, dass sich die Nachbarn mehr um diese Personen kümmern, als die zugehörige Familie.
Da hat man ein sehr unwohles Gefühl, wenn man einen solch hilflosen Mensch bei einem Krankentransport daheim abliefert, und genau weiß, dass dieser Pateint weiterhin auf sich und gelegentlich seine Nachbarn gestellt sein wird – keine Hilfe haben wird.