Aus aktuellem Anlass: Das Ehrenamt
Januar 22, 2008
Da unter dem Beitrag “Wie solls weitergehen?” eine kleine Diskussion über das Ehrenamt in Ganz gekommen ist, möchte ich dieses Thema hier einmal kurz behandeln.
Fakt ist: Viele gesellschaftliche Bereiche wären ohne Ehrenamtliche schlicht und einfach nicht existent. Wo fängt man da an? Man nehme zum Beispiel Fußballtrainer in der Jugend, die in der Regel nur für Spesen arbeiten. Dann haben wir die unzähligen Freiwilligen Feuerwehren, die oft nicht mal die Spesen ersetzt bekommen (wer bekommt für die Anfahrt zum Gerätehaus Kilometergeld?). Und beim Rettungsdienst ist es ähnlich. Am Wochenende und an Feiertagen wird der Rettungsdienst, der nicht von privaten Firmen gestellt wird, durch Ehrenamtliche besetzt. Natürlich arbeiten auch Hauptamtliche am Wochenende, aber eben nur dann, wenn die Qualifikation der Ehrenamtlichen für einen bestimmten Dienst nicht ausreicht. Beispiel: Der RTW muss ja zwingend von mindestens 1 RA und einem 1 RS besetzt werden - wie gesagt ich schreibe nur von unseren Kriterien. Wenn jetzt aber kein Ehrenamtlicher da ist, der die Qualifikation des Assistenten besitzt, muss ein “Profi” - also ein Hauptberuflicher - ran.
Die Ehrenamtlichen bekommen für eine Schicht im Rettungsdienst (i. d. R. am Wochenende 12h) lediglich eine Aufwandsentschädigung, die - einfach gesagt - gerade einmal Sprit für An- und Rückfahrt + Essen + Kaffee + Zigaretten deckt. Wieviel das ist, kann sich jeder selber ausmalen. Wieviel die Organisation durch die Ehrenamtlichen an Gehältern spart, dürfte sich auch jeder selbst vorstellen können. Insofern hat jemand, der sagt, dass das Ehrenamt Arbeitspläte zerstört, recht. Denn gäbe es keinen, der die Sache als Hobby betreibt, müsste ein Hauptamtlicher eingesetzt werden, der für seine 12h Schicht sein normales Gehalt einstreicht.
Das Argument mit dem Zerstören von Arbeitsplätzen zieht aber nur für den Fall, dass das Ehrenamt komplett abgeschafft werden würde. Das heißt, wenn ich nach meinem Zivi z.B. zusammen mit einem befreundeten RA einen RTW besetze, zerstöre ich keinen einzigen Arbeitsplatz, weil es sich so verhalten würde, dass die Schicht einfach von einem anderen “Hobby-Sani” besetzt werden würde, wenn ich mich nicht eintragen würde. Es ist also egal, ob es jetzt 100 oder 150 Ehrenamtliche gibt. Würde man dagegen den Fall betrachten, dass lediglich 5 oder 10 Ehrenamtliche da wären, dann wäre die Argumentation mit dem Zerstören von Arbeitsplätzen wieder hieb- und stichfest, da es diese wenigen Leute kaum schaffen dürften, sämtliche Dienste an 52 Wochenenden und x Feiertagen im Jahr zu besetzen.
Ich kann nur von meiner Arbeitsstelle sprechen, aber wir haben hier alleine um die 450 rein Ehrenamtliche, die für SAN-Dienst und im Rettungsdienst eingesetzt werden, also dürfte einer mehr oder weniger überhaupt keine Rolle spielen.
Doch schauen wir auch noch in eine andere Richtung. Wir haben einen Katastrophenschutz, eine Unterstützungsgruppe Rettungsdienst bzw. Schnelleinsatzgruppen, die in dem Fall zum Einsatz kommen, wenn aufgrund eines Großschadensfalls sämtliche reguläre Autos besetzt sind. Wir haben die Wasserrettung, die KOMPLETT vom obersten Chef bis zum niedrigsten SAN-A-ler ehrenamtlich organisiert ist. Was würde es bringen, eine hauptamtliche Wasserrettung auf die Beine zu stellen für 15-20 Einsätze im Jahr? Das ist wirtschaftlich indiskutabel.
Halten wir fest: Das Ehrenamt ist auch heutzutage noch unersetzlich. Welches Dorf könnte sich eine Berufsfeuerwehr leisten? Welcher Hauptamtliche Rettungsassistent stellt sich freiwillig in ein 4h Theaterstück aus dem Mittelalter? Wer von den hauptamtlichen Rettungsassistenten ist vielleicht noch zusätzlich Koch und kann im Falle eines MANV 300+ Personen versorgen?
Zum Schluss noch ein kleines Gedicht, das den Nagel ziemlich genau auf den Kopf trifft…
Willst Du froh und glücklich leben
lass kein Ehrenamt Dir geben
Willst Du nicht zu früh ins Grab
Lehne jedes Amt gleich ab.
So ein Amt bringt niemals Ehre
Denn der Klatschsucht scharfe Schere
Schneidet boshaft Dir, schnipp-schnapp
Deine Ehre vielfach ab.
Wie viel Mühe, Sorgen, Plagen
Wie viel Ärger musst Du tragen
Gibst viel Geld aus, opferst Zeit
und der Lohn? Undankbarkeit.
Selbst dein Ruf geht Dir verloren
Wirst beschmutzt vor Tür und Toren
Und es macht ihn oberfaul
Jedes ungewasch’ ne Maul.
Ohne Amt lebst Du so freidlich
Und so ruhig und gemütlich
Du sparst Kraft und Geld und Zeit
Wirst geachtet weit und breit.
Drum so rat ich Dir im Treuen
Willst Du Weib und Kind erfreuen
Soll Dein Kopf Dir nicht mehr brummen
Lass das Amt doch and’ ren Dummen.
Wilhelm Busch
(Quelle: ehrenamt.de.vu)
P.S. Ist schon spät, ich lese morgen Korrektur… sorry
Entry Filed under: Allgemein. Schlagworte: Arbeitsplätze, Ehrenamt, Katastrophenschutz, KBL, Rettungsdienst, SAN, UG SAN.
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1.
rettungsdienstzivi-blog-leser | Januar 22, 2008 at 5:31 Uhr nachmittags
ich möchte noch hinzufügen, dass der rettungsdienst auf dem land ohne ehrenamtliche ziemlich aufgeschissen wäre.
so werden in ländliche gemeinden öfters rtws in der nacht und an wochenenden gar nicht besetzt, da es bei 3 einsätzen im monat einfach nicht rentabel wäre und die stellen aus kostengründen einfach nicht besetzt werden können. Kommt es aber dennoch in dem betroffenen gebiet zu einem notfall, so wir der in der regel von einem rtw gefahren, der ein ziemlich großes gebiet zu überwachen hat (=längere anfahrtszeit, kostbare minuten/sekunden gehen verloren). Ist dieser rtw aber auch besetzt hat der patient unter umständen die A…karte gezogen. Hier springen eben die ehrenamtlichen ein, die im notfall eine adäquate rettungfsdienstliche versorgung im betroffenen gebiet gewährleisten.
Auch zu erwähnen sind die sogenannte hintergrunddienste, die parallel zum regulären rettungsdienst auf ehrenamtlicher basis einsätze bei engpässen v.a. in der nacht und am wochenende einsätze fahren (alarmiert durch piepser fahren die diesthabenden ehrenamtlichen so schnellstmölich -wie bei der freiwillen feuerwehr- zur wache und rücken dann mit einem durch spenden unterhaltenen (meist aus dem rd ausgemusterten rtw) zum pateinetn).
ich hoffe damit konnten auch die letzten zweifler vom ehrenamt im rd überzeugt werden.
2.
Potassium | Januar 22, 2008 at 5:33 Uhr nachmittags
Hübsches Gedicht. Hat er nicht ganz unrecht der Herr Busch.
3.
blaulichtblogger | Januar 22, 2008 at 6:44 Uhr nachmittags
Im Rettungsdienst ist jeder Ehrenamtler ein zerstörter Arbeitsplatz. Punkt.
4.
torschtl | Januar 22, 2008 at 7:13 Uhr nachmittags
@blaulichtblogger… ich glaube, dass man dies nicht so pauschal sagen kann…
5.
rettungsdienstzivi-blog-leser | Januar 22, 2008 at 7:26 Uhr nachmittags
@torschtl
der meinung bin ich auch.
@blaukichtblogger
allerdings ist das natürlich eine ambivalente sache.
auf der einen seite hast du recht, auf der andernen sind ehrenamtliche im rd nicht wegzudenken. Man bedenke, dass ohne die ehrenamtlichen die stellen einfach abgebaut würden und keiner den menschen zu hilfe kommen würde. Oder würdest du für 20einsätze im jahr eine hauptamtliche berwacht oder für regionen über der hilfsfrist und nur 500 bewohnern (+doppelte menge kühe ;-) ) einen 24h rtw einrichten?
6.
Michael | Januar 22, 2008 at 11:55 Uhr nachmittags
Ich weiß von Wachen, auf denen ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter gezielt gegeneinander ausgespielt wurden: Viele Ehrenamtliche üben ihr “Ehrenamt” de facto als Vollzeit-Job aus, zum Beispiel weil sie auf einen Ausbildungsplatz hoffen oder so ein nettes Zubrot zum ALG verdienen.
Umgekehrt wird den hauptamtlichen Mitarbeitern mit einer Kündigung gedroht, weil draußen Unmengen von Leuten auf der Matte stehen, die ihren Job viel billiger erledigen würden. Der Gewinner ist die Hilfsorganisation, welche die Rettungswache betreibt, dabei unmögliche Arbeitskonditionen aufrechterhalten und Personalkosten reduzieren kann.
Für Freiwillige Feuerwehr oder Wasserrettung will keiner das Ehrenamt abschaffen, Torschtl. Aber im Alltagsbetrieb des Rettungsdienstes werden Ehrenamtliche oft als billige Arbeitskräfte missbraucht. Insofern fungieren sie tatsächlich als Jobkiller. Zu sagen, dass du es ruhig trotzdem tun kannst, weil es sonst jemand anders täte, ist übrigens wenig überzeugend. (Das ändert nix daran, dass es falsch ist - und ist das ultimative Argument, um jeden Mist zu begründen).
Auch die Argumentation des “Blog-Lesers” in #5, dass ohne Ehrenamtliche die Hilfsfrist nicht aufrechtzuerhalten wäre, ist hinfällig: Wenn eine gesetzliche Hilfsfrist vorgeschrieben ist, müssen die entsprechenden Rettungsmittel auch bereitgehalten werden - egal mit welchem Personal, egal was es am Ende kostet. Ich wage zu bezweifeln, dass der Rettungsdienst auf dem Land überhaupt kostendeckend arbeiten kann, wenn Hilfsfrist und Versorgungsqualität gewahrt werden sollen.
(Dass viele Ehrenamtliche “inoffiziell” als First-Responder reagieren, wie in #1 beschrieben, ändert da auch nichts dran - und ist vom Gesetzgeber in den seltensten Fällen vorgesehen - und wenn was passiert, ist man am A*).
7.
Xevious | Januar 23, 2008 at 12:36 Uhr nachmittags
Bin auch der Meinung, dass der Rettungsdienst hauptamtlich besetzt werden sollte. Und das überall und egal wie hoch die Einsatzfrequenz der jeweiligen Wache ist.
Wir haben hier z.B. (Nähe Frankfurter Flughafen) eine Rettungswache mit 1,8 (oder warens 2,5? weiß nicht mehr) Einsätzen in 24 Stunden und die wird auch hauptamtlich betrieben (weil von Privat). Würde eine der großen Hilfsorganisationen diese besagte Wache betreiben, könnte man - denk ich - hundertprozentig davon ausgehen, dass da Ehrenamtliche Dienst schieben würden und somit wären die Arbeitsplätze, die jetzt dort vorhanden sind futsch.
Ich glaub es gibt genug andere Aufgaben für ehrenamtliche Mitarbeiter: z.B. Sandienste, etc. Und wenn einer unbedingt mal wieder auf einem RTW mitfahren will - weil er, das was er mal gelernt hat mal wieder anwenden will oder weil er einfach nur scharf aufs Blaulicht ist, oder was auch immer - kann er das ja auch als Dritter machen.
8.
Lawri | Januar 23, 2008 at 3:53 Uhr nachmittags
Also mal ehrlich,
die Diskussion ist so alt wie der Rettungsdienst selber, und langsam wird es müßig darüber zu diskutieren, weil die Positionen ganz klar abgesteckt sind: HA’s halten die EA’s für Jobkiller, EA’s sind sowieso im Recht. Fakt ist, dass es ohne EA’s nicht gänzlich geht, bei uns sehen die Kostenträger eine 78 zu 22 % Lösung vor. Vernünftig wie ich finde! SEG’en, Wasserrettungen und Bereitschaften müssen natürlich weiterhin ehrenamtlich betrieben werden, keine Frage. in den Rettungsdienst gehören meiner meinung nach Profis, alleine schon wegen der Routine die man erlangt wenn man jeden Tag mit der Materie konfrontiert ist. Ich hab diese Entwicklung bei mir am eigenen Leib gemerkt, viele Handgriffe gehen einfach nicht mehr so flott wenn man nur drei oder vier mal im monat als EA fährt…
Übrigens: Kollegen von der freiwilligen Feuerwehr bekommen sehr wohl eine Aufwandsentschädigung, und die ist gar nicht so übel (ca 8 Euros die Stunde + Verdienstausfall)…
In diesem Sinne!
9.
blaulichtblogger | Januar 23, 2008 at 8:42 Uhr nachmittags
@ 6: So und nicht anders!
@ 8: Nicht überall, bzw. eigentlich nirgends! Ich bis selber eigentlich nur in der FW aktiv und habe meinen RS mal nebenbei gemacht, einfach weil mich die Materie interressiert hat. Wir sehen bezüglich Aufwandsentschädigung keinen müden Euro und der Verdienstausfall bekommt der Arbeitgeber von der jeweiligen Gemeinde auf Antrag weil er dich ja von gesetzeswegen freistellen muss. Die Feuerwehren die tatsächlich eine Aufwandsentschädigung zahlen, bewegen sich im Promillebereich!
10.
torschtl | Januar 23, 2008 at 9:15 Uhr nachmittags
ja mich interessiert die materie auch und deshalb mache ich auch meinen rs. gäbe es irgendeine aufstiegsmöglichkeit in dem job als ra, dann würde ich es auch gerne hauptberuflich machen. so aber bin ich gezwungen, dass ich studiere, um später überhaupt eine chance auf einen gehobenen arbeitsplatz zu haben. und ja, es stimmt, dass viele ehrenamtliche über das normale maß hinaus schichten schieben, da gebe ich euch recht. fr mich als zukünftigen studenten ist es aber eine gute möglichkeit am wochenende ein bisschen kohle dazuzuverdienen. die 500 euro pro semester wachsen leider nicht auf bäumen und wenn ich schonmal meine interessen mit ein bisschen geld verbinden kann, dann werde ich das tun. denn wie schon oben genannt. ob nun 400 oder 401 ehrenamtliche das spielt keine rolle. besetzt wird so und so ehrenamtlich..