Schlechtes Timing

Februar 19, 2008

Es war 16 Uhr. Mit großer Wahrscheinlichtkeit der letzte Einsatz vor dem Schichtende um 17:30 Uhr. Das wunderschöne “C” (=Folgeeinsatz; schreibklar machen) erschien im Display des Funkhörers. “Fahrzeug xy/yx – *Ort5kmweg* Patient *Hubermeier Haraldstefan* hausärztliche Einweisung ins *KHamaderenEndedergroßenStadt* – Herzbeschwerden”. Mein Kollege und ich also in Richtung Einsatzort gefahren. Dort erwartet uns die Nachbarin (”Er hat ja keinen mehr”) und berichtet uns Folgendes: “Der Hausarzt war vor 20 Minuten da (”Wow, keine Telefoneinweisung – Respekt”) und seitdem hat sich sein Zustand rapide verschlechtert.

Patient zwischen 70 und 80 liegt im Bett. Wir stellen uns vor und fragen, was denn los sei. “Mir gehts so schlecht” – Ok, für einen Laien die Stadardaussage, aber für uns nicht gerade hilfreich. Der Patient ist kaltschweißig (erster Gedanke: Herzinfarkt) , äußert ein Taubheitsgefühl (erster Gedanke: Apoplex), hat ab und zu (bzw. seit *vor4Tagen*) Schmerzen im linken Arm (nochmaliger Gedanke: Herzinfarkt) und hat “ab und zu” Atembeschwerden… (nochmaliger Gedanke: Herzinfarkt… jawoll… HERZINFARKT – Primärdiagnose erstellt ;-)) auch seit 4 Tagen. Die Nachbaring berichtet weiter, dass der Patient bis vor 15 Minuten noch “fit” gewesen wäre, bevor er dann aus dem Stand zusamengesackt und “Gott sei Dank” in den Sessel, der zufällig hinter ihm stand, zusammensackte.

Ich hole die Tasche aus dem Auto (die braucht man in 95% der Fälle im Krankentransport nicht und deshalb wird sie nicht standardmäßig mitgenommen, weil sie ja im Notfall innerhalb von einer Minute trotzdem beim Patienten sein kann…), lege die Blutdruckmanschette an und suche den Puls am Handgelenk… und suche… und suche… finde erstmal nicht wirklich etwas, pumpe aber trotzdem auf und meine einen Schlag bei 120 zu bemerken… ich bitte meinen erfahrenen Kollegen um nochmaliges Messen und er kommt auf 110… passt ja dann ungefähr, ist aber nicht gerade typisch für den HI. Ich klemme noch schnell das Pulsoxi an seinen Finger und sehe… nichts… seine Finger sind eiskalt und erst nach einigem Aufwärmen unter der Bettdecke bekommen wir einen Wert. SpO2 bei 83-85 unter Raumluft. Ich hole noch schnell Die Beatmungsplatte aus dem Auto und gebe dem – auf Anweisung meines Partners – 6 Liter / min über Brille (Maske gestaltete sich schwierig, da der Patient ein ständiges Übelkeitsgefühl hatte und sich alle 30 Sekunden in Richtung Eimer beugte – raus kam nix…). Die Sättigung pendelt sich nach kurzer Zeit auf 90-92% ein. Nichtsdestotrotz ist uns die Sache zu heikel und wir fordern den Notarzt nach.

Der NAW (ja, bei uns gibt es sowas noch) rückt an. Notarzt + 3 Helfer steigen aus und stürmen die Burg. EKG, Zugang (vom schlauen Zivi natürlich nebst 2 Nadeln (rosa und grün) zur Auswahl vorbereitet ;-)) und runter ins Auto – 1mg Noradrenalin mit 9ml NaCl aufgezogen (natürlich auf Arztanweisung), beschriftet und wieder ab nach oben. Das reingepfiffen (das EKG zeigte auf dem Ausdruck eine deutliche ST-Hebung) und danach wieder unten alles für den Transport vorbereitet. Trage schön vorteilhaft hingestellt, Tragetuch geschnappt, Patienten umgelagert, runtergetragen, ins Auto verfrachtet, wieder hochgespurtet und Sachen zusammengepackt, sich bei der Nachbarin für die (ernsthaft gemeint!) gute Anamnese und Mitarbeit bedankt und dann… ja dann… endlich eine geraucht… die war nötig ;-)

Und täglich grüßt der Medizinmann…

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8 Comments Add your own

  • 1. dennis  |  Februar 20, 2008 at 2:24

    nenene, gut dass es zivis wie dich gibt… wie ich sehe, wäre die letalitätsrate in eurer stadt ohne dich deutlich höher!!
    held

    Antworten
  • 2. Sankafahrer  |  Februar 20, 2008 at 4:57

    Hi, ich vermute Du fährst irgendwo in Bayern´s wallachei? Daher die Insiderfrage (ja ich kenne die Situation in manchen Bereichen): Wieso habt Ihr (besser Dein Kollege) keinen Zugang gelegt bei dieser Arbeitsdieagnose?

    Antworten
  • 3. torschtl  |  Februar 20, 2008 at 11:07

    zu 1.: wenn dir hier irgendwas nicht passt, dann äußere konstruktive Kritik oder lese still weiter, aber mit solchen Kommentaren kannste daheimbleiben. keine ahnung, ob du frustriert bist, weil die zivis mehr verdienen als du als ra-praktikant(?) oder ob dir sonst irgendeine laus über die leber is. is mir eigentlich auch egal… ich schreibe hier in meinem eigenen stil, versuche meine sache – meinem ausbildungsstand entsprechend – gut zu machen und nicht mehr und nicht weniger. die geschichten passieren zu 99% genau so, wie ich sie hier schildere und anscheinend mögen ein paar leute diesen blog, sonst hätte ich kaum um die 200 visits am tag.

    zu 2.: Die Venen waren so gut wie nicht vorhanden und mein Kollege zog es vor die 5 Minuten lieber noch zu warten und dem Doc nicht auch noch die letzte Chance zu nehmen, ne passende Einstichstelle zu finden. Der hat dann im Übrigen auch 3 Versuche gebraucht.

    Mit Bayern hast du im Übrigen recht. Wenn dann aber Königreich :P

    Zugänge legen die älteren Kollegen bei uns wirklich nur wenns mehr als brennt. Die haben da irgendwie eine besonnere Art als die frischen Assistenten, die da weniger lange zögern… wieso das so ist… ich weiß es nicht.

    Antworten
  • 4. Zoidberg  |  Februar 21, 2008 at 5:49

    Konstruktive Kritik? Bei einem Stichwort wie “Herzbeschwerden” (egal ob als Krankentransport gemeldet) würde ich nie, nie, nie drauf verzichten, den Notfallkoffer/-rucksack/-tasche mit zum Patienten zu nehmen… Und bei einem kaltschweißigen Patienten, der offensichtlich ein kardiales Problem, hat den Sauerstoff im Auto zu lassen wenn man eh schon hingeht – mitdenken erspart Laufwege ;)

    Noradrenalin bei einem 110er Druck irritiert mich auch. Aber wenn der Arzt meint. Ich hätte eher mit den etablierten Maßnahmen (ASS, Morphin, wenn er mutig ist Nitro, evtl. Heparin) gerechnet.

    Antworten
  • 5. torschtl  |  Februar 21, 2008 at 6:13

    danke zoidberg so wünsch ich mir das.

    Antworten
  • 6. dennis  |  Februar 21, 2008 at 7:40

    ich finde es nur sehr interessant zu lesen. denn wenn man wirklich auch nur etwas ahnung von der sache hat, dann merkt man, dass die erzählungen aus sicht des ktw so überheblich beschrieben sind, dass es einen echt wundert, dass du keinen rtw besetzt….

    PS: ich finde schon, dass die kritik konstruktiv ist

    Antworten
  • 7. torschtl  |  Februar 21, 2008 at 9:12

    ich beschreib halt hier lieber die außergewöhnlichen fälle, die so passieren, denn ich glaube kaum, dass sowohl der laie, als auch der insider hören will,
    dass wir heute oma hilde mit schlechtem az per tragetuch aus dem 1. stock getragen haben, wir sie dann auf die trage gelegt haben, das kopfteil noch hochgestellt, bevor wir dann gefahren sind. die patientin schlief nach 2 Minuten Fahrt ein und ich schaute durch das Fenster auf die Autos vor uns. Dann waren wir am Kankenhaus und übergaben die Patientin mit den Worten “Haben keine Einweisung und keinen Trapo – EIgenanamnese schlug fehl”. Dann fuhren wir in Richtung Wache und tranken einen Kaffee…

    wenn der notarzt “Nor” haben will, dann wirds ihm halt angereicht… er darf ja praktizieren wie er will. ich behaupte doch nicht, dass der patient nicht überlebt hätte, wenn ich nicht dagewesen wäre oder sonst n keks. Ich mach das, was ich kann und mir zutrau und alles andere soll mein RA machen….
    weiß jetzt ned, wo da die überheblichkeit drin sein soll

    und zu zoidberg nochmal: ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber bei uns wird so oft “unklar” gemeldet oder “herzbeschwerden” und dann stellt sich raus, dass derjenige einfach nur zur einstellung seines herzschrittmachers muss… die basics kann man ja ohne jegliche hilfsmittel durchführen und wenns auto luftlinie 5 meter wegsteht, dann renn ich lieber einmal mehr, als alles anzuschleppen und dann erst wieder aufräumen muss, damit ich den patienten beim treppensteigen stützen kann?!

    und nochmal für alle: ich lass mich gerne verbessern und sehe ein, wenn das oder das nicht stimmen kann, aber es ist keiner gezwungen, dass er mein scheiß hier liest

    Antworten
  • 8. Zoidberg  |  Februar 27, 2008 at 2:27

    @torschtl: Diese tollen Universalstichwörter gibt es hier auch (”internistisch”, “verletzte Person”…), das sind für gewöhnlich KTW-Primäreinsätze (sprich es liegt keine Einweisung durch einen Arzt vor).Es gibt hier auch einige Kollegen, die einfach so zum Patienten gehen. Das geht auch meistens gut, trotzdem habe ich mir angewöhnt bei diesen Meldungen zumindest den Koffer mitzunehmen. Gab schon einige Fälle wo ich froh war, dass ich nicht nochmal runterlaufen musste. Außerdem finde ich sieht das ziemlich unprofessionell aus wenn man mit den Händen in der Tasche (überspitzt gesprochen) zum Patienten kommt. Und wenn man den Koffer umsonst mitgenommen hat: who cares?

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