Komm, wir züchten uns nen Pflegefall

Februar 25, 2008

Vor einiger Zeit passierte folgende Geschichte.

Wir werden zu einem normalen Krankentransport nach *20Minutenweitweg* geschickt. Es würde sich um einen bestellten Transport von Dr. Frankenstein (Name geändert) handeln, bei dem auch die Papiere abzuholen wären. Die Praxis anzufahren, bedeutete ja nur knappe 7km Umweg und weil es kurz vor Mittag war und wir eigentlich ganz gut aufgelegt waren, nahmen wir diesen auf uns…

Gefahren bin an diesem Tag ich. Die Schreibkraft des Arztes machte und die Übergabe, die in etwa Folgendes umfasste: “Zum *christl. Krankenhaus*… wisst ihr ja, nää?” – “jojo, tschüssing…”. Der Arzt wollte uns – auch auf Nachfrage (es geht ja grad so zu) – nicht gegenübertreten.

Auf der Einweisung fand sich dann Folgendes: V. a. Apoplex, Patientin will kann nicht aufstehen, laut Schilderung der Tochter Hemiparese links, eingeschränkte Fähigkeit zur Aufnahme von Flüssigkeit.

Wort für Wort… genau so.

Bisherige Maßnahmen: keine

Therapie: Stroke Unit & CT

So, der Arzt hat also per Telefondiagnose einen Apoplex festgestellt und bestellt dann einen KTW. Der Apoplex war morgens gegen halb 9 und bei Abholung derPapiere war es ca. 11.30 Uhr. 3h wäre das “Time is brain Zeitfenster”… zügig, aber noch ohne Sondersignal bewegten wir uns in Richtung Patientin. Dort angekommen fanden wir eine Frau vor, die mit deutlicher Facial- und Hemiparese nur noch nickend und kopfschüttelnd kommunizieren konnte. Gestern Abend wären sie noch spazieren gegangen und hätten sich unterhalten…

Wir wägten ab… die Patientin war wach und ansprechbar und eine Notarztnachforderung hätte gut und gerne 20 Minuten in Anspruch genommen… das würde zu knapp. Wir hielten uns also gar nicht mehr lange auf und packten unsere Patientin ein. Ich schwang mich auf den Fahrersitz, schaltete Fackeln und Heulbojen ein und gab dem Karren. Unter Voranmeldung für die Stroke kamen wir dann deutlich nach der 3h Frist im KH an und übergaben die (immer noch stabile Patientin) an das Klinikpersonal.

Hoffentlich noch rechtzeitig. Zu der 3h-Frist ist zu sagen, dass man allgemein davon ausgeht, dass man innerhalb dieser Zeit den Apo ohne größeren Schaden überstehen kann…

Ich habe absichtlich länger mit diesem Beitrag gewartet, damit man absolut keine Rückschlüsse auf den Arzt oder sonstwas ziehen kann, weil ich echt keinen Bock auf Probleme hab. Aber auch hier sieht man mal wieder, dass dieser bis dato fitten Frau eine Menge erspart hätte werden können, wenn der Arzt seinen Patienten mal angeschaut hätte…

EDIT: Hatte da einen Zwirl in die Zeiten gebracht. Hab es jetzt umgeschrieben, so dass das wieder Hand und Fuß hat. Natürlich dürfte es nicht auf die Minuten genau stimmen, aber ich will ja die Problematik nur verdeutlichen.

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8 Comments Add your own

  • 1. cohen  |  Februar 25, 2008 at 7:03 pm

    von diesen inkompetenzlern rennen leider viel zu viele herum…

    aber mir gefällt die tatsache dass die ach so hohen herren ärzte es nicht schaffen unsereins von angesicht zu angesicht gegenüber zu treten.

    Antworten
  • 2. torschtl  |  Februar 25, 2008 at 7:36 pm

    ich sag ja noch nix, wenn er sich weigert dem dreckszivi ne übergabe zu machen, aber wenn sich meine kollegen als RAs von der Tippse anhören müssen “das hat sie nicht zu interessieren”… boa.. wäre ich RA würden solche Leute gleich ma ne verbale Genickfotzen erwischen :)

    Antworten
  • 3. Michael  |  Februar 25, 2008 at 8:26 pm

    Ich hatte auch schon so eine telefonische Apoplex-Einweisung, vielleicht ist der Hausarzt ja inzwischen nach Bayern gezogen. :-)

    Warum habt ihr RTW/NEF bzw. NAW nicht schon bestellt, als ihr die Einweisung vom Hausarzt bekommen habt?
    [Natürlich hättet ihr als Erstversorger trotzdem anfahren können.]

    Antworten
  • 4. torschtl  |  Februar 25, 2008 at 8:40 pm

    hm, bei uns gibts halt auch oft Zustand nach Apo… da is der Apo dann 2-3 Tage her und es is dan mehr oder weniger wurscht, ob man 5 oder 20 Minuten später kommt…
    außerdem geht man doch EIGENTLICH davon aus, dass der Arzt die Dringlichkeit eines Falles ausreichend beurteilen kann.

    als zivi hab ich sowieso nicht die befugnis eigenmächtig da n Notarzt nachzuholen, ohne den Patienten überhaupt gesehen zu haben… würd ich ma sagen…

    Antworten
  • 5. Sebastian Kayhs  |  Februar 26, 2008 at 11:09 am

    @ Michael: Ja, das Problem haben wir bei uns auch oft. Da bekommt man eine Einweisung “Apoplex”, oft telefonisch bestellt vom Hausarzt, und das Ganze ist dann mehrere Tage alt. Oft auch deshalb drei Tage alt, weil der Hausarzt es nicht geschafft hat, vorher vorbeizuschauen. Golf spielen, Charity-Dinner, wissen schon…

    Es ist hier bei uns, Arbeitergegend, 75% Bergleute in meinem Wachbezirk, sehr unüblich, wegen “so Firlefanz” einen RTW direkt zu rufen. Was soll das auch, bloß weil man sich nicht mehr bewegen und sprechen kann. Niemand würde sich hier gegen seinen Hausarzt auflehnen und deshalb werden solche Schicksale, wie das vom Dreckszivi geschilderte (hol mal nen Tee, viel Zucker), hier meist ohne Weiteres hingenommen.

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  • 6. Sankafahrer  |  Februar 26, 2008 at 8:47 pm

    Denkt euch nichts, auch in der großen Stadt ist das keine seltenheit, ganz im gegenteil.

    Die meisten Stroke Unit Vorsanmeldung habe ich auf dem KTW, hin und wieder sogar ganz ganz knapp im Zeitfenster! Leider bin ich ein sehr friedliebender Mensch, andere Kollegen haben schon eine regelm. Korrespondenz mit der Kassenärztlichen Vereinigung und sind dort mit der ein oder anderen Sachbearbeiterin auf Du und Du! ;)

    Antworten
  • 7. Michael  |  Februar 27, 2008 at 2:41 am

    @Sebastian: Das ist echt spaßig, ich schätze fürs Saarland könnte man eine ähnliche Diagnose stellen, die Mentalität der Leute ist hier ähnlich. (Ob’s auch am Bergbau liegt?)

    @Torschtl: Ok, klingt logisch. Wobei ich je nach Situation in der Praxis entweder eigenmächtig nachalarmiert (abbstellen geht immer noch) oder die Praxis-Tussi/ihren Chef von der Notwendigkeit eines RTWs überzeugt hätte.
    Ob mit oder ohne Nachalarmierung: Ich wäre mal primär mit Sondersignal angefahren, sobald die Arztpraxis ein paar hundert Meter zurückliegt. (Natürlich nach Absprache mit der LST). :-)

    Wenn ich die Kommentare so lese dann glaube ich, das Problembewusstsein für die schnelle Behandlung beim Stroke ist nicht sonderlich ausgeprägt. (Ich hab wirklich gedacht, in der Stadt sei das nicht so schlimm. Pft).

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  • 8. Assistenzarzt  |  März 1, 2008 at 1:27 pm

    In Meck Pomm sind die Leute genauso… was von allein kommt, das wird schon wieder von alleine gehen…

    Was die Hausärzte angeht… naja, meine Meinung über die ist gespalten. Es gibt gute & fitte und es gibt die anderen. Wenn man bei den anderen ist, dann hat man manchmal Pech. Leider gehen die oft nur zu Fortbildungen hin, wenn es denn zwingend sein muss und dann meist nur zu denen, wo nur über neue Tablettchen geschwafelt wird. Zu vielen ist noch nicht durchgedrungen, dass ein Apoplex heutzutage nicht mehr die Verurteilung zum Pflegefall ist sondern man noch was tun kann. Wenn man denn rechtzeitig kommt. Anständigerweise hätte dieser HA der Patientin / Angehörigen sagen müssen: Die Beschwerden hören sich nach einer akuten Geschichte an, möglicherweise ein Schlaganfall (DD: Gehirnblutung…). Bitte rufen sie sofort den Rettungsdienst (oder HA ruft RD). Selbst diese wenigen wichtigen Infos hätte er per Telefon rauskriegen können.

    Aber auch einige Notärzte sind manchmal nicht ganz auf Zack. Ich erlebe es regelmäßig in der Inneren, dass wir Patienten in die Notaufnahme kriegen mit der EW-Diagnose “Apoplex” oder “V.a. intracerebrale Blutung” die in ein Zentrum gehören, was nur 10 min weiter weg ist und eine Stroke Unit hat mit Angio-Anlage. Da frage ich mich auch, was der Quatsch soll.

    Mein jüngster Apoplex-Patient war Student und 26 Jahre alt. Ist noch nicht so lange her. Time is brain, er kam selbst zu uns, es hat alles geklappt, nach 1 h erfolgte die Verlegung, die Stroke sagte, er wird wohl keine Folgeschäden behalten. Es gab lange nichts, was mich so erschütterte wie die Hilflosigkeit dieses jungen Mannes, der allein zuhause nicht telefonieren konnte, weil es sein Sprachzentrum erwischt hatte und nachdem die initiale Hemiparese nach 30 min weg war zu Fuß zu uns kam. Hätte die Aufnahmeschwester ihn mit seinem Stammeln nicht ernst genommen, er hätte Stunden im Wartezimmer bei den Harnwegsinfekten und Rückenschmerzen sitzen müssen…

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