Archive for September 2009
Wochenend-KTW: Reiner Wahnsinn
Vor einiger Zeit war ich mal wieder auf dem KTW am Wochenende unterwegs. Als ich um 7 Uhr den Dienst antrat, wusste ich natürlich noch nicht, was mich erwarten sollte. Aber mal der Reihe nach…
30 Minuten nach Dienstbeginn wurden wir zum ersten Transport gerufen. Nach einem gezogenen Katheter sollte es zurück ins Altenheim nach *15kmentfernt* gehen. Freundlicher Herr und problemloser Ablauf. Noch während wir wieder am Einladen der Trage waren ging der Piepser, was eigentlich nur „Notfall“ bedeuten konnte. Die Durchsage bestätigte dann meine Auffassung und es ging für uns 400m entfernt zu einem Notarzteinsatz. „Unklar intern“ war die Meldung. Ankunft am Zielort nach 35 Sekunden. Der Patient lag im Bett und klagte über einen Drehschwindel. Der Blutdruck war mit 140 eigentlich im grünen Bereich und der Zucker von 130 gab uns auch keine weitere Hilfe. Einen Herzschrittmacher hätte er seit 2 Jahren, mit dem er aber bis heute keinerlei Probleme gehabt hätte. Die zunehmende Übelkeit brachte mich dann dazu, einen Eimer bei der Ehefrau zu „ordern“. Der wurde aber nicht gebraucht. Der Notarzt bekam dann von uns eine kurze Übergabe und entschied sich letztendlich für einen Transport in ein Krankenhaus. Auf einen Zugang, sowie die Gabe von Medikamenten wurde vorerst verzichtet. Nach dem Einladen fragte die Leitstelle auch schon nach, ob der NA abkömmlich wäre, da er einen Herzkinfarkt in der Nähe hätte. So kam es also, dass wir ohne NA notfallmäßig zu unserem Ziel fuhren. Auch hier verlief alles problemlos.
Mittlerweile war es später Vormittag und wir legten eine kurze Pause beim Bäcker unseres Vertrauens ein, bevor wir die Anweisung zum Einrücken erhielten. Lang dauerte es jedoch nicht, bis der Piepser uns wieder jeglicher Träume von einem gemütlichen Tag auf dem Sofa zunichte machte. Notfalleinsatz „Verdacht Herzinfarkt“. Die Sache war nach 5 Minuten Anfahrt dann auch wieder erledigt, da der Einsatz „abbestellt“ wurde. Uns hungerte mittlerweile wieder und so fuhren wir ins nächstgelegene KH zum Mittag machen.
Direkt nachdem wir uns freigemeldet hatten, kam es zu einer weiteren „Blaulichfahrt“. „Gestürzter Inlineskater“. Nach kurzer Suche entdeckten wir dann auf den menschenleeren Straßen eines Industriegebietes unseren Patienten, der einen Arm „auffällig“ mit dem anderen stützte. Schon beim Aussteigen sah man auch den Grund. Eine astreine Fraktur des Schlüsselbeins. Wir stabilisierten den Bruch mittels zwei Dreieckstüchern und deckten weitere Wunden steril ab. Schlimmeres wurde hier durch eine umfangreiche Schutzausrüstung verhindert.
Wir berieten uns kurz und entschieden dann – in Rücksprache mit dem Patienten natürlich – es erst einmal ohne NA zu versuchen und schonend in Richtung Notaufnahme zu tuckern. „Einmal männlich, chirurgisch Verdacht auf Schlüsselbeinfraktur nach *Krankenhaus*“ – „Verstanden“. Nur wenige Meter waren gefahren, als die Leitstelle uns erneut rief. Der NAW wäre gerade frei in *1km entfernt* und wir würden uns direkt begegnen. „Sprechen`s den NAW an und machen`s an Treffpunkt für`s Rendevouz aus“. „*HiOrg Musterhausen* 70/1 von *HiOrg Musterhausen 72/2*“ – „Hört Sie!“ – „Treffpunkt Musterstraße in der Busbucht“ – „Verstanden“. Zwei Minuten später gab es dann ein wenig Dipidolor nebst MCP, was uns dann auch die Möglichkeit gab den Bruch mittels Sam-Splint zu schienen und so noch ruhiger zu stellen. Schlüsselbein ist so und so problematisch in meinen Augen, weil es ja faktisch bei jedem Atemzug in Bewegung ist. Eine Analgesie war in diesem Fall die beste Alternative. Der weitere Transport wurde vom NA begleitet. Keine weiteren Komplikationen.
Nach einem kurzen Gastspiel auf der Wache nebst nem Käffchen war es dann mal wieder soweit. „Notfalleinsatz: Sturz aus Rollstuhl – eventuell auch nur eine Hilfeleistung“. Als Adresse wurde uns die eines Altenheims genannt, welches wir dann auch vom EG bis zum 3. OG nach unserem Patienten durchforsteten. Niemand wusste etwas von der betreffenden Person. Die Leitstelle hatte auch keine weiteren Informationen, wies es jedoch darauf hin, dass der Einsatz über die KV gekommen wäre, was bei meinem Kollegen und mir für ein kurzes Augenverdrehen sorgte. Leider ist die KV für „komische Ortsangaben“ und weitere Ungenauigkeiten in unseren Breitengraden bekannt. 15 Minuten später waren wir dann aber doch – 2 Häuser weiter – beim Patienten angekommen, der uns am Boden liegend „erwartete“. Ein gründlicher Check von RR, Zucker und Puls, sowie einem Bodycheck ließ keinerlei Ungereimtheiten aufkommen. Das Knie tat ihm weh. Nach genauerer Betrachtung sah das für uns eindeutig nach einer Prellung aus. Da aber sowohl der Patient, als auch die Ehefrau überfordert schienen, was ja nichts Verwerfliches ist, rief ich noch einmal bei der KV an und bat die Dame am Telefon darum, doch einmal im Laufe des Tages einen Doc vorbezuschicken, der einen Blick auf das Knie werfen soll. So geschah es dann auch und wir meldeten uns frei. „Übergabe KV für uns eine 9 (=Leerfahrt)“.
Doch der Tag war immer noch nicht vorbei uns wieder einmal durfte der KTW zum Notfall ran. „Sturz im Altenheim“. Die Dame saß im Speisesaal in ihrem Rollstuhl und klagte über Schmerzen im Bereich des Oberschenkelhalses, sowie am Ellbogen. Ein Blick auf den Ellbogen, den das Pflegepersonal nicht in Augenschein genommen hatte, offenbarte dann eine leicht blutenden Wunde. Das hätte auch ein Pfleger versorgen können, aber naja… kein weitere Kommentar. Da eine Bewegung des Beines schmerzfrei überhaupt nicht möglich war und der Verdacht auf eine OS-Halsfraktur bestand, durfte mal wieder der Druide ran. Dipidolor und MCP waren auch hier die Mittel der Wahl. Transport in der Vakuummatratze ohne Probleme.
Nun waren es nur noch 25 Minuten bis Feierabend und bei uns schwanden langsam die Kräfte, aber es half alles nichts. „*HiOrg Musterhausen* 72/2 mit Standort“ – „BLablastraße“ – „Wunderbar… um`s Eck in die *HighSocietyAllee* Höhe Hausnummer 1337 – Sturz – vermutlich stocknüchtern…“. Nach kurzer Fahrt sahen wir dann auch das ganze Übel. Patientin lag auf der Straße, das gesamte Gesicht blutverschmiert und mit einigen Platzwunden überzogen. Die Nase wies einen „komischen Knick“ auf und die Pupillen reagierten nicht seitengleich. Natürlich war der Patient „stocknüchtern“ noch dazu…
Wir gingen Schritt für Schritt vor und schafften uns erst einmal einen Überblick über das Verletzungsmuster. Wir reinigten das Gesicht notdürftig und versorgten die Platzwunden. Für uns war es schwierig zu beurteilen, ob der Patient jetzt einfach nur besoffen war oder ob er vielleicht doch ne kleine Commotio hatte. Das wäre ja eventuell noch zu handlen gewesen, aber als er „einfach nur nach Hause“ wollte und einen Transport ins KH ablehnte, wurde es dann doch Zeit für den NA. „Leitstelle von 72/2 – Einmal Notarzt Verdacht Commotio, Verdacht Nasenbeinfraktur und multiple Platzwunden sowie Ablehnung des Transportes ins Krankenhaus noch keine Polizei erforderlich“. Der NAW kam dann auch wenige Minuten später und nachdem sich der Notarzt noch bespucken lassen durfte und die Stifneck-Intoleranz des Patienten überwunden worden war konnten wir dann doch – in Begleitung des Druiden – die Fahrt antreten und den Patienten in der nächsten Notaufnahme übergeben. 45 Minuten nach Dienstschluss durften wir dann endlich die „6″ drücken und ließen den Rettungsdienst, Rettungsdienst sein…
2 comments September 20, 2009
Vereinsamen…
Ich hatte mal einen ekelhaften und gleichzeitig traurigen Einsatz zugleich. Wir wurden alarmiert zum Krankentransport. „Schlechter A(llgemein)Z(ustand)“. Dort angekommen erwartete uns ein altes, total heruntergekommenes Bauernhaus. Beim Betreten hob es mich zum ersten Mal. Geschätzte 25 Müllsäcke der letzten Wochen und Monate lagen da herum und warteten auf Entsorgung. Spinnweben über Spinnweben und insgeheim war ich schon auf Ratten eingestellt, die wir dann aber nicht zu Gesicht bekamen.
Im ersten Stock erwarteten uns eine zersplitterte Wohnungstür und weitere Müllberge im Hausgang. An der Tür des Nachbarn steckten um die 15 Briefe und Postkarten. Wir betreten also das Zimmerchen in dem die alte Dame liegt. Der Enkel macht sie gerade abfahrbereit das Bett ist voller Kot und Erbrochenem, das teilweise schon eingetrocknet ist. Die Frau hat langes graues Haar und tiefe Falten im Gesicht. Die Einweisung des Hausarztes liegt, zusammen mit einem Medikamentenplan auf dem Küchentisch. „Pat. hat schwere Gastroenteritis, liegt in Erbrochenem und in Kot; Z.n. Apo; Z.n. nach Re-Apo; ….“. Der Enkel übernimmt seit Jahren die „Pflege“, wenn man das so nennen mag.
Mir persönlich tat die Patientin nur noch leid. Völlig immobil liegt sie wahrscheinlich Jahr und Tag in ihrem Bett, bekommt morgens und abends Besuch vom Enkel und ansonsten wartet sie eigentlich nur aufs Sterben… sowas betrübt mich.
1 comment September 7, 2009


