“Papiere in der Praxis xy abholen”
Das bekommen wir in letzter Zeit nervend oft zu hören. Wir sollen also den Patienten daheim holen und dann die Einweisung vom Hausarzt oder umgekehrt. In der Regel kein Problem, weil der normal intelligente Mensch sich einen Hausarzt in Nähe der Wohnung sucht, aber was einfach beschissen ist, ist die Tatsache, dass die Hausärzte 1. einen Hausbesuch abrechnen, ohne den Patienten auch nur gesehen zu haben und 2. die Diagnosen telefonisch gestellt werden und uns somit ein Haufen unnützer Arbeit aufgehalst wird. Wie zum Beispiel in folgendem Fall, der sich genau so vor etwa 2 Wochen zugetragen hat.
Mein Kollege und ich werden zu einem Krankentransport nach *35kmweg* herausgepiepst mit dem Hinweis, dass die Patientin 120 wiegt. Wir fahren da also hin, sehen ein paar Schwestern der Gattung “Schoof” und begeben uns zur Patientin. Diese liegt flach in ihrem Bett und hat neben einem Katheter auch noch einen Anus praeter. Die Schoof weisen uns darauf hin, dass die Patientin wegen psychologischen Problemen in das Bezirkskrankenhaus muss, um dort eine Behandlung zu empfangen. Die ganze Zeit, während sie uns das erzählen, hört man ganz genau raus, dass sie nur darauf aus sind, die Patientin abzuschieben (man erinnere sich an “House of God”). Auf der einen Seite für einen Aussenstehenden verständlich, da es sicher nicht das Optimale ist, den künstlichen Darmausgang zu leeren, die Patientin umzubetten (wofür ca. 4 Leute nötig sind) und mit ihrem angeblichen “Rumschreien” kein Problem zu haben, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ein Heimplatz einen schönen 4-stelligen Betrag monatlich verschlingt, darf man die 100%ige Pflege erwarten.
Wir packen die Patientin auf jeden Fall auf unsere Trage, die ja bis 240kg belastbar ist, und verdampfen in Richtung Auto. Die Papiere sollen wir doch bitte beim Arzt im Ort abholen. Das haben wir dann leider vergessen und somit sind wir ohne Diagnose nur mit den Informationen der Schwestern zurück in unsere Heimat in das dortige BKH. Während der Fahrt unterhalte ich mich mit der Patientin über dies und das und kann weder eine deutliche Demenz noch irgendeine Verwirrtheit feststellen. Geschrien hat sie keine Sekunde. Wir kommen an und mein Fahrer geht schnell in Richtung Anmeldung. Es vergehen 20 Minuten bis der erste Arzt in den Patientenraum einsteigt und die Patientin befragt. Nach 2 Minuten ist er wieder weg, um nach weiteren 25 Minuten mit dem Chefarzt zurückzukommen. Mittlerweile haben sie sich die Einweisungspapiere vom Kollegen aus *35kmweg* faxen lassen und lesen zu ihrem und unserem Erstaunen unter Diagnose/Erstbefund: Dekubitus.
Laut den Schwestern muss die Frau in psychatrische Behandlung, laut dem Arzt muss ein Dekubitus behandelt werden und laut der Dame selbst tut es am Rücken und am Gesäß weh. 2 mal Dekubitus - 1 mal Psychodoktor. Die Ärzte vom BKH entscheiden - völlig zu recht - dass das BKH zur Versorgung eines Dekubitus eindeutig der falsche Ort ist und weisen uns an, die Patientin wieder zurück zu fahren, da die Dekubitusbehandlung auch vor Ort von den Schwestern übernommen werden kann. (War nichts Großartiges)
Ich habe mir nun folgende Theorie gesponnen: Die Pflegekräfte hatten keinen Bock mehr auf die sehr aufwendige Pflege der Frau und wollten sie “ein Haus weiter” haben. Also wird der Arzt gerufen, der keine Veranlassung dazu sieht, seine Patientin persönlich zu besuchen. Dieser stellt wiederum eine Einweisung und einen Transportschein aus, den die “blöden” Sanis sich gefälligst holen sollen und schreibt auf der Haben-Seite einen Hausbesuch, während wir ohne Diagnose uns auf das Geschwätz von den Schoofs verlassen müssen und die Patientin zum guten Schluss, weil aus der 1/10 bedingt durch die Rückfahrt eine 1/13 geworden ist, eine Rechnung über 36 + 70*1,60 = 148€ erhält, dafür dass sie 3h lang (so lang hat der Transport gedauert, wenn man alles miteinbezieht) auf einer - gemessen an ihrer Körperfülle - viel zu schmalen Trage liegen durfte.
Halten wir schlussendlich fest: Wer die Pflege von älteren und behinderten Mitmenschen nicht machen will, sollte vielleicht keinen Pflegeberuf wählen. Wer Geld mit Hausbesuchen verdienen will, muss seine Patienten nicht zwangsläufig in ihren 4 Wänden besuchen und wer einen Chefarzt mal richtig geil am Telefon abgehen sehen will, weil einer seiner Kollegen so eine Scheiße auf die Einweisungspapiere schreibt, der hätte dabei sein müsssen.
P. S.: Ich muss hier nicht erwähnen, wie groß die Freude beim Pflegepersonal war, als wir wieder aus dem Aufzug fuhren… Die Leidtragenden sind in diesem Fall - wie es fast immer ist - die Patientin und die Beitragszahler der gesetzlichen Krankenkassen, denn - auch wenn die Patientin erst einmal eine Privatrechnung bekommt - ist es sicher, dass diese bei der Krankenkasse eingereicht werden wird, da ja eine dauerhafte Immobilität den Transport notwendig gemacht hat…
2 comments Januar 27, 2008


