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Engelsgeduld
Die Nacht ist um und ich bin gänzlich ausgeschlafen. Nachdem wir von 19 bis 0 Uhr durchgefahren waren, weckte uns die Störstelle nur noch 1mal gegen halb 2 und ließ uns dann für den Rest der Nacht in Ruhe. Dramatisches gibt es auch von dieser Nacht nicht zu berichten, jedoch ein bißchen etwas Kurioses.
Gegen 23 Uhr schellte das Wachtelefon und die Leitstelle teilte uns mit, dass sie etwas für den KTW hätte. Mangels Papier bat ich um die Durchgabe der Daten über Funk. Im Auto tönte dann aus dem Lautsprecher „Zu Herrn Müllerhansenneubauer – Bandscheibenvorfall in ein Krankenhaus Ihrer Wahl – wenn er überhaupt mitfährt“. Die letzten 4 Worte stehen für „Das wird zu 99% eine Leerfahrt. Nach 20 Minuten Fahrt trafen wir dann beim Patienten ein. Nach Betätigung der Klingel kam der Mann nach unten und öffnete uns die Tür. Eine leckere Mischung aus Jägermeister und Bier kam uns entgegen gepaart mit ein Bißchen „nicht mehr alle Teller in der Spülmaschine“. Freundlich bat er uns in den ersten Stock und lotste uns in sein Wohnzimmer. Die nächsten 20 Minuten sollten interessant werden.
Er hätte seit 2 Monaten solche Schmerzen und irgendwie meinte seine Hausärztin, dass da irgendwas mit den Bandscheiben nicht stimme, und so („und so“ war im Übrigen die Floskel, die er an jeden Satz hing) und überhaupt und so, ob wir ihm da jetzt nicht was gegen die nicht mehr tolerierbaren Schmerzen geben könnten und so (für Treppe runter und wieder rauf hat es aber schon gereicht?!) und überhaupt sind die ganzen Akademiker ja Verbrecher und so und ob er denn da im Rollstuhl landen wird, wenn der Doktor bei der OP besoffen ist und so… 20 MINUTEN LANG führte er mit meinem wirklich mehr als gutmütigen Kollegen ein Gespräch, dass nur aus 2 Fragen von ihm und 2 Antworten durch meinen Kollegen bestand.
Zurück im Auto schnell die 1 und die 5 gedrückt „nach Analgesie durch psychische Betreuung wieder frei in Musterhausen“ – „*schnauf* ja richtig – einrücken“
Viele der Kollegen werden ähnliche Fälle jeden Tag erleben. Es ist echt schade, dass es Menschen in diesem Land gibt, die teilweise keine Alternative sehen, als den RD zu rufen, um überhaupt mal jemanden zum Reden zu haben. Der Mann mag wohl ein Ziehen im Rücken verspürt haben, aber auf jeden Fall keinen Schmerz, den er nicht mit seinen Ibuprofen in Griff bekommen hätte. Noch dazu wäre er wahrscheinlich genau 2h im KH gewesen, bevor man ihn wieder entlassen hätte, weil so eine planbare Sache einfach nichts für eine Notaufnahme in der Nacht ist…
4 comments Dezember 12, 2008
Wochenendsanka
Ja, es gibt mal wieder was Neues… bzw. egtl. nicht, aber ich wollte mich mal wieder melden. Am Sonntag habe ich mal wieder 12h auf dem KTW verbracht. 11 Transporte in 12h davon 4mal in eine psychatrische Klinik. Psychose hier, Psychose da… und wir waren beileibe nicht die einzigen, die fleißig dorthin gefahren sind. Gefühlte 50% aller Patienten wurden an diesem Tag dorthin gebracht. Herbstdepressionen? Man weiß es nicht.
Nach ein paar normalen Transporten ließ uns dann die Leitstelle mal an den Rand des Funkbereichs. Ursprünglich hieß es „Psychose im Altenheim nach psychatrische Klinik“. Auf dem Weg dorthin sprach uns der Lieblingsdisponent (markante Stimme und einfach eine coole Sau) noch einmal an und bat uns darum abzuklären, ob die Psychose sitzen kann, damit wir noch einen liegenden Zustand nach Sturz „mitreinnehmen“ können. Nachdem wir die alte Dame, die egtl. ganz ruhig und orientiert wirkte, eingepackt hatten fuhren wir dann zu dem Sturz, wo uns schon eine Horde Angehöriger freudig erwartete.
Die Oma wäre nach dem Essen ausgerutscht und hingefallen und hat jetzt Schmerzen im – na ratet wo! – Oberschenkelhals. Jawohl. Da saß sie nun im Auto ihres Bruders und wirkte schockig. Die kleinste Bewegung ließ sie aufschreien. Also Tasche geholt und Blutdruck gemessen, der bei 110 palpatorisch lag. Da die Dame frierte wickelten wir sie noch ordentlich ein und schlossen das Pulsoxi an. 65er Sättigung… nö, kann nicht sein. Die kalten Finger verhinderten eine genaue Messung. Da wir die Dame so auf jeden Fall nicht transportieren – geschweige denn erstmal aus dem Auto holen konnten – schickte ich meinen Beifahrer zur Nachforderung eines RTW und eines NEFs, die dann auch wenig später mit Pauken und TromSirenen eintrafen. Ein bißchen Dipidolor wirkte Wunder und ermöglichte uns ein unkompliziertes Umlagern auf die Vakuummatratze.
Das war dann auch schon das einzig „Spannende“, was es zu berichten gibt. Bald fahr ich wieder, vielleicht kann ich dann mit etwas Lesenswerterem dienen.
Bis dahin – bleibt gesund!
2 comments Dezember 2, 2008
Besserung eingetreten…
Gestern war die zweite Nacht und auch vorerst die letzte, in der ich KTW gefahren bin. Im Gegensatz zur ersten Nacht konnte man aber eine Besserung festestellen. Zuerst eine ältere Dame mit Z. n. Sturz über Sessel mit Brustkorb gegen das Bett. V. a. Rippenfraktur – mit der erste gerechtfertigte Transport in dieser Woche.
Zu späterer Stunde trafen wir auch die grünen Kollegen. Zustand nach Faust gegen Auge. Die Person war aber nicht unser Patient, sondern der Verursacher des Feilchens. Hatte gut getankt und war dementsprechend aggressiv. Der Stahlachter züchtigte ihn dann, so dass er einer psychatrischen Einrichtung zugeführt werden konnte.
Gegen halb 2 wurden wir dann zum Notfalleinsatz alarmiert. NAW wäre vor Ort. Wir schauten uns an und dann fiel es mir ein „Ah, ich weiß schon. Sicher irgendeine Infektion – transportieren die generell nicht.“ Genau so war’s. Der Pat. war Hep-C u. der Hygieneplan der Kollegen besagt bei Hep-C eine Stillegung des Autos für 3h nach der Desinfektion. Bei uns schaut der Hep-C Hygieneplan so aus: Mitgeführtes Desinfektionstuch zum Abwischen der Kontaktflächen mit dem Patienten benutzen und danach wegwerfen. Trocknen lassen und dann wieder die 1 für einsatzklar drücken… Ausfallzeit: 5 Minuten… wenn überhaupt. Naja, so unterschiedlich läuft das manchmal. Wobei ich mich frag, wieso ich bei Hep-C eine 3h Einwirkzeit haben muss. Übertragen wird parenteral durch Blut, so dass nach der Entfernung eventueller Verunreinigungen + Desi keine Infektionsgefahr mehr besteht…
4 comments September 24, 2008
Altlasten…
Wenn man der einzige KTW in der Nacht ist, sollte man immer tunlichst darauf bedacht sein, dass man möglichst wenig, und vor allem nur das, was wirklich gerechtfertigt ist, ins Krankenhaus fährt, weil man es sonst einfach 1h später wieder zurück fährt. Einen der wichtigsten Grundsätze haben wir gestern einfach nicht beachtet.
Da war ein junges Mädchen mit einer Kniekontusion… gut, musste geröntgt werden, aber würde wohl ambulant werden… das war 5 Minuten nach Schichtbeginn. Ab ins Kinderkrankenhaus. „Wir rufen dann wieder an.“ „Ok“. Anscheinend wurde es dann doch zu spät und sie ließen das Mädel bei sich nächtigen.
Danach eine stationäre Einweisung mit Verdacht auf Thrombose… wobei Verdacht noch beschönigend ausgedrückt ist. Das sah n blinder mim Krückstock. Hier konnten wir uns sicher sein, dass wir den Herren nicht mehr nach Hause fahren würden – zumindest nicht in dieser Nacht.
Nach 45 Minuten des Extremruhens wurden wir wieder unsanft aus dem Extremruhen gerissen… Grund war eine Blasenentzündung. Die Mutti hat vor 10 Minuten 2 Schmerztabletten von der Tochter bekommen, aber es ist noch nicht besser. Als wir der Tochter erklären wollen, dass der Turfingversuch fehlschlagen wird die Mutti zu 100% innerhalb der nächsten 1-2h wieder zurückkommen wird, antwortet diese mit „nene, die behalten se schon“… I thought: „Gut, dass duuu soviel Ahnung hast…“. Was soll ich weiter sagen… 1h und 10min später saßen wir wieder im Auto und fuhren die Mutti, die übrigens vorher schon bei Ankunft am KH beschwerdefrei war, wieder heim… *kotz*
Effektiv 3h Schlaf zusammengebracht. Im Gegensatz zum RTW, der ganze 7h(!) seine Ruhe hatte. Das ist doch pervers… :P
1 comment September 23, 2008
Sanka fahren 4 life… Yo Yo!
Hallo,
im Moment komme ich nicht allzu viel zum Schreiben. Nicht weil ich so beschäftigt wäre, nein, eigentlich bin ich einfach nur faul.
Vergangenen Samstag durfte ich wieder 12h ran. Das Ende vom Lied waren 324km, was für einen KTW in der „Stadtrettung“ echt pervers ist. Dialyserückfahrt hier und infektiöse Heimfahrt da. 8 Fahrten und n halben Tank durchgeblasen. Aber war ja günstiger Diesel ;-)
DIe letzte Fahrt ca. 1h vor Feierabend versprach schon wieder eine typische Feierabendfahrt zu werden. Meistens entpuppen sich diese Krankentransporte als Notfall und dauern um die 2h… doch dieses Mal hatten wir Glück.
Gleich beim Klingeln die ersten „Überraschung“. DIe Patientin wohnte im obersten Stockwerk des 5-stöckigen Gebäudes. Wo auch sonst. Entgegen aller Erwartungen hatte sie dann keine 140kg, sondern hatte eine Durchschnittsfigur.
„Die Mama wohnt ja hier allein und ist vor ner halben Stunde hingefallen. Jetzt hat sie Schmerzen in der Hüfte“
Gedanke: „Doh, kein Schenkelhals PLEASE“
Echte Situation: Pat. empfängt uns lächelnd und im Sessel sitzend und wippt dabei noch fröhlich mit beiden Füßen.
Gedanke: „Schwein gehabt“
„So Frau Haumichblau, wo tuts denn weh?“ „*auf die Hüfte deutend links* hier aber eigentlich nur, wenn man fest hindrückt“. Ich überprüfte dann noch die Stabilität der ganzen Sache, welche zu 100% gegeben war. „Frau Haumichblau, des schaut etzad a so aus, dass zu 99% nix gebrochen ist. Erstens können sie das Bein uneingeschränkt bewegen, 2. sieht man keinerlei Anzeichen für einen Bruch – nedmal an blauen Fleck und 3. wären sie mit einem gebrochenen Bein mit großer Sicherheit nicht mehr aufgestanden und hätten im Sessel Platz genommen. Mein Vorschlag wär jetzt, dass wir sie ins KH *in2kmEntfernung* bringen, dann lassens des schnell Röntgen und können in 2h höchstwahrscheinlich wieder heim.“ „Ja gut, dann machma des a so.“
Im Krankenhaus war dann das Röntgen defekt. Unsere Patientin durften wir trotzdem dort lassen, weil der Mc Gyver-Chirurg uns einen unnötigen Weg ersparen wollte „Des röntgma dann halt ned, sondern schauns uns im CT an… des geht a…“ Hehe, Improvisation ist alles.
Heute und Morgen darf ich nochmal in der Nachtschicht ran… irgendwas Erzählbares ist da sicher dabei…
Bis dahin, bleibt gesund…
3 comments September 22, 2008


