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Schlechtes Timing

Es war 16 Uhr. Mit großer Wahrscheinlichtkeit der letzte Einsatz vor dem Schichtende um 17:30 Uhr. Das wunderschöne “C” (=Folgeeinsatz; schreibklar machen) erschien im Display des Funkhörers. “Fahrzeug xy/yx - *Ort5kmweg* Patient *Hubermeier Haraldstefan* hausärztliche Einweisung ins *KHamaderenEndedergroßenStadt* - Herzbeschwerden”. Mein Kollege und ich also in Richtung Einsatzort gefahren. Dort erwartet uns die Nachbarin (”Er hat ja keinen mehr”) und berichtet uns Folgendes: “Der Hausarzt war vor 20 Minuten da (”Wow, keine Telefoneinweisung - Respekt”) und seitdem hat sich sein Zustand rapide verschlechtert.

Patient zwischen 70 und 80 liegt im Bett. Wir stellen uns vor und fragen, was denn los sei. “Mir gehts so schlecht” - Ok, für einen Laien die Stadardaussage, aber für uns nicht gerade hilfreich. Der Patient ist kaltschweißig (erster Gedanke: Herzinfarkt) , äußert ein Taubheitsgefühl (erster Gedanke: Apoplex), hat ab und zu (bzw. seit *vor4Tagen*) Schmerzen im linken Arm (nochmaliger Gedanke: Herzinfarkt) und hat “ab und zu” Atembeschwerden… (nochmaliger Gedanke: Herzinfarkt… jawoll… HERZINFARKT - Primärdiagnose erstellt ;-)) auch seit 4 Tagen. Die Nachbaring berichtet weiter, dass der Patient bis vor 15 Minuten noch “fit” gewesen wäre, bevor er dann aus dem Stand zusamengesackt und “Gott sei Dank” in den Sessel, der zufällig hinter ihm stand, zusammensackte.

Ich hole die Tasche aus dem Auto (die braucht man in 95% der Fälle im Krankentransport nicht und deshalb wird sie nicht standardmäßig mitgenommen, weil sie ja im Notfall innerhalb von einer Minute trotzdem beim Patienten sein kann…), lege die Blutdruckmanschette an und suche den Puls am Handgelenk… und suche… und suche… finde erstmal nicht wirklich etwas, pumpe aber trotzdem auf und meine einen Schlag bei 120 zu bemerken… ich bitte meinen erfahrenen Kollegen um nochmaliges Messen und er kommt auf 110… passt ja dann ungefähr, ist aber nicht gerade typisch für den HI. Ich klemme noch schnell das Pulsoxi an seinen Finger und sehe… nichts… seine Finger sind eiskalt und erst nach einigem Aufwärmen unter der Bettdecke bekommen wir einen Wert. SpO2 bei 83-85 unter Raumluft. Ich hole noch schnell Die Beatmungsplatte aus dem Auto und gebe dem - auf Anweisung meines Partners - 6 Liter / min über Brille (Maske gestaltete sich schwierig, da der Patient ein ständiges Übelkeitsgefühl hatte und sich alle 30 Sekunden in Richtung Eimer beugte - raus kam nix…). Die Sättigung pendelt sich nach kurzer Zeit auf 90-92% ein. Nichtsdestotrotz ist uns die Sache zu heikel und wir fordern den Notarzt nach.

Der NAW (ja, bei uns gibt es sowas noch) rückt an. Notarzt + 3 Helfer steigen aus und stürmen die Burg. EKG, Zugang (vom schlauen Zivi natürlich nebst 2 Nadeln (rosa und grün) zur Auswahl vorbereitet ;-)) und runter ins Auto - 1mg Noradrenalin mit 9ml NaCl aufgezogen (natürlich auf Arztanweisung), beschriftet und wieder ab nach oben. Das reingepfiffen (das EKG zeigte auf dem Ausdruck eine deutliche ST-Hebung) und danach wieder unten alles für den Transport vorbereitet. Trage schön vorteilhaft hingestellt, Tragetuch geschnappt, Patienten umgelagert, runtergetragen, ins Auto verfrachtet, wieder hochgespurtet und Sachen zusammengepackt, sich bei der Nachbarin für die (ernsthaft gemeint!) gute Anamnese und Mitarbeit bedankt und dann… ja dann… endlich eine geraucht… die war nötig ;-)

Und täglich grüßt der Medizinmann…


8 comments Februar 19, 2008

Langsam könnt ichs wissen…

Heute mit einer sehr sehr lieben Kollegin gefahren… Einsatzstichwort(e): Frau X im Altenheim Y, Verdacht Schenkelhals und Nasenbeinbruch. Wir fahren da also hin und meine Kollegin versucht vergeblich eine zufriedenstellende Antwort über den Unfallhergang aus der Pflegekraft herauszubekommen (anscheinend hat sie uns nicht verstanden, wir sie aber auch nicht o.O). Das Bein ist deutlich nach außen rotiert und die geistig fitte Patientin äußert schlimme Schmerzen, sobald sie sich bewegt oder man das Bein berührt. So bekommen wir sie jedenfalls nicht auf unsere Trage. Schlau wie wir sind, forderten wir einen Notarzt nach und freuten uns sehr, als unsere Kollegen mit dem NAW vom *Krankenhausnur5Minutenentfernt” durch die Tür kamen. Der Notarzt meint spöttisch, warum denn nach der langen Anfahrtszeit noch immer kein Zugang gelegt sei und drückt mir eine grüne Nadel, das Desi-Spray, einen Tupfer, ein Fixierpflaster und was man sonst noch braucht in die Hand. Ich setze mein “What the fuck?” - Gesicht auf und gebe das ganze Zeug mit den Worten “das würde ich nichtmal mir selber antun” an meine hauptamtliche Kollegin weiter. Die grinst und legt den Zugang routiniert. “Was ist daran jetzt besonders?”, mag sich der ein oder andere fragen… tja, man muss wissen, dass der einzige Zugang, den ich jemals gelegt habe unter dem Einfluss von ca. 6 Bier auf meiner und der anderen Seite geschehen ist. Das heißt, dass mein damaliger Patient völlig schmerzfrei war und sich auch noch prächtig über den Bluterguss am Handrücken amüsierte… ;-) Mein Patient war übrigens ein Wasserwacht-Kollege, der es als tollen Partygag empfand, sich eine Nadel legen zu lassen.

Nach wenigen Minuten kam das fette Grinsen im Gesicht der Patientin. Sie war high und damit fertig für die Umlagerung. Ich denks mir jedesma wieder: Echt jeiles Zeuch, was der Medizinmann da mit sich rumschleppt :).

In der ganzen entspannten Atmosphäre (die Patientin nahm es auch schon vor der Schmerzmittelgabe trotz ihres fortgeschrittenen Alters mit Humor (Zitat: “So ein Scheißdreck passiert auch bloß die alten Weiber”)), habe ich dann natürlich mal wieder vergessen mit den Transportschein vom Doc stempeln und unterschreiben zu lassen. Gott sei Dank schlug die Besatzung 2h später in der Hauptwache auf (nicht NAW-Standort), um sich einen Kaffee ins Gesicht zu schütten…


Add comment Januar 29, 2008


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